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Neonazis und Internet: NPD bloggt im ‘Netztagebuch’

21. Juni 2007 14:13 161 views Kein Kommentar

Auch die rechtsextreme NPD setzt bei der Verbreitung von Informationen und Propaganda auf ein eigenes Blog. Es nennt sich – für Rechtsextremisten und Neonazis ganz politisch korrekt – ‘Nationales Netztagebuch’ und wird laut Impressum vom NPD-Kreisverband Barnim-Uckermark betrieben. Offizielle Anschrift ist aber die Bundeszentrale in Berlin. Das Blog wird seit mehreren Monaten regelmäßig aktualisiert, gerne mehrmals am Tag. Es bietet so für Interessierte und Journalisten eine weitere Quelle zur Recherche. Allerdings scheinen die Inhalte nicht über das hinauszugehen, was auf anderen NPD-Seiten steht. Auffällig: Die NPD verlinkt das Blog nicht von ihren Seiten. Möglicherweise handelt es sich um eine Art Testbetrieb. Damit baut die NPD aber auf jeden Fall ihre Präsenz im Internet weiter aus.

‘Wunderbar’: Virtuelle Welt – ohne die ‘Feindpresse’

Die NPD muss insgesamt mit knappen Ressourcen auskommen und will diese natürlich möglichst effektiv einsetzen. Wegen der geringen Kosten kommen die Neonazis somit um das Internet gar nicht vorbei, selbst wenn sie wollten. Wollen sie aber gar nicht, wie NPD-Chef Udo Voigt unterstreicht: Das ‘Weltnetz” habe einen Stellenwert, der ‘ganz oben steht’. Das Internet sei eine ‘wunderbare Möglichkeit, die Positionen der NPD ohne Zensur darzustellen.’ Die Seiten der Partei verzeichnen nach NPD-Angaben etwa 10.000 Zugriffe am Tag, in Wahlkampfzeiten allerdings deutlich mehr, dann seien es auch mal 100.000 täglich.

Und es stellt auch für Beobachter eine wunderbare Möglichkeit da, die aktuelle Strategie der NPD abzulesen. Die Strategen trimmen die Partei zurzeit nach außen auf bürgerlich, denn die ‘Nationaldemokraten’ wollen zunehmend Wähler aus der Mitte der Gesellschaft gewinnen; ohne diese wird es langfristig keine Wahlerfolge geben, besonders im Westen nicht und am wenigsten bei Bundestagswahlen. Daher hat die NPD ihre Homepage überarbeitet: Statt wie anfangs üblich einer Karte des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1937 strahlen jetzt idyllische Landschaftsbilder von der Seite, zur Ideologie passende braune Farben oder rechtsextreme Symbole sucht der Besucher auf den Seiten der NPD schon lange vergeblich. Das ganze Angebot wirkt so, wie es die NPD-Funktionäre wahrscheinlich gerne selbst täten: Freundlich, aber entschlossen – und vor allem aufgeräumt.

Schulhof-CD mehrere zehntausend Mal heruntergeladen

Auf dem “Medienserver” der rechtsextremen Partei liegen drei der berüchtigten ‘Schulhof-CDs’ und warten darauf, von Jugendlichen kostenlos herunter geladen zu werden. Bislang ist dies nach NPD-Angaben etwa 40.000 mal geschehen. Die Interpretenliste liest sich wie eine Hitparade der deutschen Neonazi-Musik, penibel achteten die Verantwortlichen bei der Auswahl darauf, keine indizierten Beiträge auf den NPD-Seiten anzubieten. Mittlerweile hat der ‘Kameradschaftsbund Hochfranken’ auf seinen Seiten eine weitere Version der Schulhof-CD veröffentlicht. 

Ideologisch noch nicht gefestigte Jugendliche sollten durch die Musik zum Einstieg in die Szene verleitet werden, erklärt NRW-Verfassungsschutzchef Möller. Auch hier bietet das Internet den Neonazis viele Vorteile: ‘Miete und Personalkosten für ein Ladengeschäft fallen nicht an, persönliche Konfrontationen mit dem politischen Gegner sind beim Online-Kauf nicht zu befürchten – durch die anonyme Abwicklung des Kaufvorgangs wird der Handel auch für Interessenten attraktiv, die aufgrund persönlicher Hemmschwellen vor einem Einkauf bislang zurückschreckten’, so Möller. Außerdem: Neonazis haben viele ihrer Hochburgen in ländlichen Regionen – Szene-Geschäfte werden aber zumeist in urbanen Zentren angesiedelt.

Rechtsrock als ostdeutscher Exportschlager?

Der Online-Handel mit Musik und Szene-Artikeln entwickelte sich in den vergangenen Jahren zum wichtigsten wirtschaftlichen Standbein der Neonazi-Bewegung, neben dem Geld aus der Parteienfinanzierung für die NPD. Die Partei profitiert ebenfalls durch den Online-Handel – über ihren Deutsche-Stimme-Verlag. Daneben gibt es dutzende weitere rechtsextreme Online-Versandhändler in Deutschland.

Politischer Kampf im Netz

Dem Neonazi-Netzwerk drohen allerdings auch Gefahren im Netz. So griff die “Daten-Antifa” in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Seiten an – und gelangte an interne Informationen. In zwei Fällen knackte die “Daten-Antifa” Angebote von Online-Versandhändlern und veröffentlichte tausende Kunden-Daten im Internet. Selbst staatliche Ermittler nutzten offenbar Hinweise aus den gehackten Daten, beispielsweise bei Ermittlungen zu Verbindungen zwischen der NPD und verbotenen Organisationen – wie der “Skinheads Sächsische Schweiz” (SSS). Auch Aktionsseiten der Neonazis, die zu vielen größeren Aufmärschen veröffentlicht werden, hackte die “Daten-Antifa” mehrfach. Auf den betroffenen Seiten veröffentlichen die Angreifer gerne persönliche Daten der geschädigten Neonazis – oder veränderten zumindest die Oberfläche der Homepages – “Defacement“ genannt.

Außerdem werden die gestohlenen Informationen der interessierten Öffentlichkeit über Tauschbörsen zur Verfügung gestellt. Ehemals abgeschlossene Neonazi-Foren werden von Beobachtern genau ausgewertet. Durch die erfolgreichen Attacken der ‘Daten-Antifa’ wird ein Defizit der rechtsextremen Bewegung deutlich: Mit Hilfe des Internets können die begrenzten Kräfte zwar gebündelt werden, dennoch fehlt es an fähigen Leuten; dem Gegner ‘Daten-Antifa’ – einem kleinen clandestinen Netzwerk – hinken die Rechtsextremisten fachlich offenbar hinterher. Allerdings knackten im Gegenzug auch Neonazis bereits einige linke Seiten.

Druck auf Holocaust-Leugner

Auch einzelne Staatsanwaltschaften messen den strafrechtlich relevanten Inhalten auf Neonazi-Seiten zunehmend Bedeutung bei. Dies belegen die Prozesse gegen prominente Holocaust-Leugner, die ihre Hetze via Internet verbreitet hatten. Es geschah aus dem Ausland, doch ist die Hetze durch das World Wide Web auch in Deutschland zugänglich. Die Betreiber rechtsextremer Seiten, die in Deutschland ansässig sind, stehen ebenfalls bisweilen unter Druck. Leider wurden aber mehrere Anzeigen wieder eingestellt, da angeblich das öffentliche Interesse fehle.

Kommt es doch zu Ermittlungen, fehlt oft der finale technische Beweis, so dass verdächtige Personen nicht für die entsprechenden Inhalte verantwortlich gemacht werden können, heißt es immer wieder. Es gilt als offenes Geheimnis, dass Axel M. aus Mecklenburg-Vorpommern die einflussreiche Neonazi-Seite Störtebeker.net betreibt, gegen dessen aggressive antisemitische Propaganda wurden bereits mehrere Anzeigen erstattet, Anklagen liegen aber nicht vor. Dabei hat sich M. bereits öffentlich dazu bekannt, hinter dem Angebot zu stehen. Auch aus Mitteilungen der NPD geht eindeutig hervor, dass M. der Betreiber ist, Ex-NPD-Chef Günter Deckert bestätigte dies ebenfalls gegenüber dem Autoren. M. dementiert allerdings mittlerweile, dass er Störtebeker.net verantwortet – wegen der drohenden rechtlichen Probleme.

Persönliche Rache und Selbstdarsteller

Oft kontraproduktiv für die Neonazi-Szene: Im Internet können einzelne Kader ausführliche Selbstdarstellung betreiben, interne Konflikte öffentlich austragen, persönliche Abneigungen ausleben und internes Wissen veröffentlichen. Kaum ist er selbst im Netz vertreten, beschwerte sich der Neonazi-Anwalt und neue NPD-Chef in Hamburg, Jürgen Rieger, über den Umgangston auf einschlägig bekannten Seiten. Auch im Internet geführte Debatten über Konflikte innerhalb der Szene lassen Rückschlüsse auf das dort vorherrschende Niveau zu:

So handelt es sich bei den rechtsextremen ‘Heimseiten’-Besuchern weniger um strategisch denkende und handelnde Aktivisten, sondern mehrheitlich um Fanatiker, kaum fähig zu einfachsten Diskussionen. Dies ist zumindest der Eindruck, den man beim Lesen vieler Neonaziforen gewinnt. Klügere Köpfe beteiligen sich eher selten an solchen virtuellen Schlachten, erkennen das Internet aber als bedeutenden Machtfaktor, um das sie auf anderen Wegen heftig kämpfen. So versuchte die NPD-Spitze – nicht an offenen Debatten interessiert – bereits mehrfach, oppositionelle Meinungen in den eigenen Reihen zu unterdrücken, indem Seiten von Landesverbänden unter dubiosenUmständen abgeschaltet wurden. Auch das von der NPD betriebene Forum gilt als zensiert. Dieses Verhalten der NPD-Spitze facht die Debatten über den Stil der Partei und ihren Umgang mit abweichenden Meinungen in der Bewegung natürlich weiter an. Die Betreiber einiger einflussreichen Neonazi-Seiten, die sich gerne als politische Dissidenten der Szene gerieren, werden so zu internen Einflussnehmern. Machtfaktoren aufgewertet.

Dies wurde im April 2007 auf der Neonazi-Seite ‘Altermedia’ thematisiert, der langjährige Aktivist Christian Worch, der sich fast täglich ausführlich in rechtsextremen Internet-Foren zu Wort meldet – begann hier eine Debatte über die Veränderung in der Bewegung durch den Einfluss des Internets: ‘Altermedia hat sich eine Position errungen; es hat eine ‘Marktlücke’ besetzt. Und in dieser Lücke ist es zur Zeit federführend. [...] Man braucht dafür nur einen Computer mit Netzwerkzugang, viel Zeit, […] eine manchmal etwas spitze Feder und vielleicht auch noch ein dickes Fell”. An die Adresse der NPD gerichtet bemerkte Worch: ‘Trotz der finanziellen und personellen Ressourcen dieser Partei [sind] ihre Netzwerkseiten einfach weniger interessant und lesenswert ist als die völlig autonome Quelle Altermedia’. Eine Einschätzung, die auf Zustimmung stößt: ‘Dort werden auch Kommentare nicht gelöscht oder verändert, Meinungsfreiheit hat hier im Gegensatz zum Dunstkreis der NPD einen hohen Stellenwert’, kommentiert ein Nutzer aus dem rechtsextremen Spektrum. Die NPD muss also sowohl außerhalb als auch innerhalb der virtuellen Welt große Rücksicht auf ihre dringend benötigten Bündnispartner aus dem unabhängigen Neonazi-Spektrum nehmen.

Einfluss auf die Ideologie?

Das Medium könnte die rechtsextreme Ideologie beeinflussen, beziehungsweise bereits verändert haben – handelt es sich bei den ‘modernen Nazis’ doch längst nicht mehr um eine durch und durch autoritär geprägte Bewegung. Die meisten für die Rechtsextremisten relevanten Ereignisse werden im Internet kontrovers diskutiert, wenn auch oft, wie erwähnt – auf unterstem Niveau; dennoch gibt es eine gewisse Dynamik, aus der offenbar Ideen und Strategien erwachsen. Einzelne Aktivisten verschaffen sich online Gehör, werden zu wichtigen Akteuren. Als ein solches Beispiel lässt sich die durchaus kontroverse Debatte in der rechtsextremen Szene anführen, welche Bedeutung das jüngst ergangenen Urteil des Bundesgerichtshofs hat, durchgestrichene Hakenkreuze wieder als Symbol zu erlauben. Streitgegenstand in der Szene: wie könnten Neonazis das Urteil selber für Provokationen nutzen?

Nicht ködern, aber heranführen

Das Neonazi-Netzwerk im Internet spiegelt die realen Entwicklungen in der rechtsextremen Bewegung recht gut wider. Neben den oben aufgeführten Fällen zeigt dies beispielsweise auch ein Blick auf die Seiten der “Heimattreuen Deutschen Jugend”, die durch ein unscheinbares Angebot mit einem geschlossenen Bereich für Mitglieder im Internet vertreten ist. Genau so arbeitet diese Organisation in der realen Welt: Sie möchte möglichst wenig Aufsehen erregen, steht sie doch im Verdacht, eine Nachfolgepartei der verbotenen Wiking-Jugend zu sein. Die HDJ hat aber innerhalb der Bewegung eine wichtige Funktion zur ideologischen Ausbildung von Kindern und Jugendlichen. Auch der antiquierte Online-Auftritt der DVU offenbart sofort, wie weit die Altherren-Partei mittlerweile der NPD hinterherhinkt. So werden auch die Kräfteverhältnisse im Internet anschaulich.

Neonazis und NPD ködern keine jungen Leute und neue Sympathisanten über das Internet, sondern im realen Leben. Die modernen Nazis verstehen es jedoch mittlerweile, attraktive Anlaufpunkte für Interessierte im Internet anzubieten, um dort ihre Propaganda zu platzieren. Dies vereinfacht den immer tieferen Einstieg in die Neonazi-Szene. Kontakte können leicht geknüpft, Ideologisches einfach herunter geladen werden, außerdem bietet das “Weltnetz” den Neonazis eine weitgehend risikofreie Kommunikationsplattform.

Kein Kommentar »

  • Antifaschistische Aktion Bernau (bei Berlin) said:

    Das “Netztagebuch” wird vom dem NPD-Vositzenden für den Kreis Barnim/Uckermark Mike Sandow betrieben. Sandow kommt selbst aus Biesenthal bei Bernau (Landkreis Barnim).

    Ein Bild von ihm befindet sich unter folgendem Link:
    http://antifabernau.blogsport.de/images/mike_s.jpg

  • Alex said:

    Schade das auf der Vorseite keine Kommentare freigeschaltet sind, das disqualifiziert als Demokrat liebe Antifaschisten.

    Die zunehmende verbürgelichung der NPD macht mir allerdings schon Sorgen. Vorallem wenn meine eigne Schwester die Parolen nachplappert die sie da aufgeschnappt hat.
    Die zunehmende radikalisierung in beide Richtungen ist sowieso sehr benunruhigend.

  • Antifaschistische Aktion Bernau (bei Berlin) said:

    Anmerkung: Bei Julius Färber handelt es sich um Mike Sandow aus Biesenthal.

  • P.G. said:

    Kommentare mit Links auf rechtsextreme und neonazistische Seiten werden gelöscht.

  • Harald said:

    Ich mit meinen 78 Jahren war zu Zeiten des Deutschen Reiches ein überzeugter Hitlerjunge ubd da ich sehr musikalisch veranlagt war – auch Ausbilder im HJ Spielmannszug. Ich habe den “Adolf Hitler” sogar einmal persönlich gesehen.
    Aber heute kann ich nur sagen, das dieses Pack der Glatzköpfe im Deutschen reich keine Chance gehabt hätten etwas zu werden. Der Adolf hätte sie zwar als seine besten Leute bezeichnet und in die vordersten Linen geschickt !!!

    So wäre er sie am besten los geworden.

    H.A.

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