Home » Allgemein, MVP

MVP: Untersuchungen nach Überfall in Pölchow

03. Juli 2007 13:53 143 views Kein Kommentar

*Aktualisierung am Ende des Beitrags 

Nach dem Nazi-Überfall in Mecklenburg-Vorpommern am 30. Juni 2007 läuft die Aufarbeitung der Vorkommnisse. Besonders die Rolle der Polizei wird derzeit beleuchtet. Die taz berichtet am 03. Juli 2007 über die Kritik der Opferberatungsstelle Lobbi an der Polizei. Lobbi sammelt zurzeit die Aussagen zahlreicher Augenzeugen, die den Angriff der Neonazis miterlebten.

Übereinstimmende Augenzeugenberichte

Auf Anfrage gab Lobbi einen Überblick über die bislang gesammelten Berichte. Danach stellte sich der Ablauf der Ereignisse wie folgt da: In Schwaan in Mecklenburg-Vorpommern stiegen etwa 60 bis 70 Personen in den Zug Richtung Rostock. Die bunt gemischte Gruppe, einige Personen kamen aus MVP, andere aus Bayern oder Sachsen, kam vom Fusion-Festival, viele der Jugendlichen wollten zur Anti-Nazi-Demo nach Rostock reisen, andere waren schlicht auf der Heimreise. An der Haltestellte stiegen ebenfalls acht bis zehn Nazis in den Waggon ein. Nach Augenzeugenberichten kam es zu einem heftigen Wortgefecht. Tätlichkeiten soll es angeblich nicht gegeben haben.

Im Folgenden verlässt die Nazi-Gruppe den Wagen, um in einen anderen einzusteigen. Dort sitzen etwa 80 Neonazis, darunter die NPD-Abgeordneten Udo Pastörs, Tino Müller und Stefan Köster. Besonders bemerkenswert: Obwohl bei der Demonstration in Rostock mit Ausschreitungen gerechnet wurde – 2000 Polizisten waren im Einsatz – befanden sich im Zug offenbar überhaupt keine Einsatzkräfte. In dem kleinen Dorf Pölchow zogen die Nazis den Angaben zufolge die Notbremse, stiegen aus und umstellten den letzten Waggon, in dem sich die Anti-Nazi-Demonstranten und Festival-Besucher befanden. Die Nazi drückten mehrere Scheiben ein, circa 40 Nazis verprügelten die Reisenden.

Dabei gab es nach vorläufigen Angaben von Lobbi insgesamt etwa 20 Verletzte, mindestens fünf davon mussten im Krankenhaus mit schwerer Gehirnerschütterung, Frakturen und ähnlichen Verletzungen behandelt werden. Auch ein kleines Kind soll eine Schnittwunde erlitten haben und wurde später von einem Sanitäter behandelt. Viele der Opfer flohen vor den Nazis in das Dorf, Bewohner halfen den Verletzten und riefen die Polizei. Die Nazis sollen auf dem Bahnhof geblieben sein, ebenso eine Gruppe von etwa zehn der Angegriffenen – bis die Polizei schließlich eintraf.

Pastörs im Gespräch mit der Polizei?

Diese konnte sich zunächst offenbar kein Bild von den Vorkommnissen machen. NPD-Fraktionschef Pastörs schilderte dem Einsatzleiter Augenzeugenberichten zufolge dann seine Sicht der Dinge. Damit könnte auch erklärt werden, warum die Polizei von einer Auseinandersetzung zwischen Linken und Rechten berichtete, obwohl sie gar nicht vor Ort war. Allerdings machte es die Einsatzkräfte offenbar nicht stutzig, dass die Nazis noch vollzählig auf dem Bahnsteig standen, und dass es bei ihnen offenbar keine Verletzten gab, während andere Personen ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Die NPD sprach im Folgenden von einem Angriff von linken Terroristen (Stefan Köster laut einem Videomitschnitt auf Endstation Rechts auf der Demonstration in Rostock), gegen den man sich in Notwehr erfolgreich gewehrt hätte. Köster führt Augenzeugenberichte an, wonach die ’Antifas säckeweise Steine’ mit sich geführt hätten. Dass die Rucksäcke einfach Gepäck von Festival-Besuchern gewesen sein könnte, passt natürlich nicht in ihre Version der Geschichte.

Aussage gegen Aussage

Noch ist also nicht genau geklärt, was sich in und um den Zug abgespielt hat. Aussagen stehen gegen Aussagen, die Polizei hat sich auf eine Version festgelegt, ohne vor Ort gewesen zu sein. Nun laufen die Ermittlungen bei der Polizei, aber auch bei der Bahn selbst. Das Zugpersonal soll noch aussagen, eine Zugbegleiterin soll den Angriff genau gesehen haben. Außerdem werden zurzeit Anzeigen gegen mehrere Angreifer vorbereitet. Auf Fotos von der NPD-Demonstration in Rostock seien bereits mehrere der Täter von den Opfern identifiziert worden*, hieß es aus Beobachter-Kreisen. Weiterhin werde erwartet, dass die staatlichen Stellen von Amts wegen demnächst Anzeigen erstatten werden.

* Inzwischen ist offenbar einer der Angreifer identifiziert. Laut einer Mitteilung der Jusos soll einer der Täter angeblich Michael G. gewesen sein. G. sitzt für die NPD im Stadtrat der Gemeinde Teldau und soll die Übergriffe in Pölchow gelenkt haben und dabei Quarzhandschuhe getragen haben, so ein Augenzeuge. Außerdem sollen sich mehrere Mitglieder der Jusos um das verletzte Kind gekümmert haben. Der Juso-Landesvorsitzende Robert Hagen sagte dem Bericht zufolge: ‘Das die NPD-Landtagsabgeordneten Pastörs, Müller und Köster den Gewaltorgien ihrer Kameraden einfach zuschauten, ist ein Skandal.’

Kein Kommentar »

  • kf.lith said:

    Betrachtet man die Art und Weise der von der NPD geschickt eingefädelten und zunächst über ad-hoc-news verbreiteten ersten Darstellungen und Bewertungen der Ereignisse in Pölchow, so kann man sich – so paranoid das auch auf den ersten Blick wirken mag – einer Erinnerung an historische Vorbilder des Udo Pastörs nicht entziehen. Auch wenn der Vergleich zweier so unterschiedlicher Dimensionen schwierig scheint, darf an die Inszenierung des Überfalls auf den Sender Gleiwitz und das Zollhaus in Hochlinden am 31.08.1939 erinnert werden.
    Rein zufällig wird der biedere Landtagsabgeordnete Pastörs nebst mitreisender Ehefrau und Kollege Köster Opfer einer hinterhältigen Attacke linker Krawallmacher, gegen die zu protestieren er gerade entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten mit einem Regionalzug nach Rostock unterwegs ist. Rein zufällig findet die seitens der NPD als Notwehr dargestellte brutale Aktion gegen die in dem gleichen Zug vom Fusion-Festival nach Rostock reisenden “linken Chaoten”, die mit großer Wahrscheinlichkeit eher nicht der militanten Antifa zuzurechnen sind, auf dem für Einsatzkräfte sehr schwer zugänglichen Bahnhaltepunkt in Pölchow statt. Rein zufällig verbreitet ad-hoc-news sehr frühzeitig eine sehr freie Interpretation der Ereignisse, die zwar eine Pressemitteilung der Bundespolizei sowie Meldungen von ddp und NDR als Quelle angibt, aber bei näherer Betrachtung im Wesentlichen die NPD-Sicht der Dinge wiedergibt und die über die Financial Times Deutschland sowie später auch über alle größeren Nachrichtenmagazine wie Spiegel Online und Focus in bester Google-Journalismus-Manier weiterverbreitet wird.
    In einer nüchternen Analyse der Geschehnisse stellen sich mehrere Fragen, die in nächster Zeit zu klären und nicht zuletzt auch journalistisch aufzuarbeiten sein dürften.
    Warum ist Pastörs nebst Gefolge ausgerechnet in Güstrow in eine S-Bahn umgestiegen, obwohl es für ihn eine direkte Zugverbindung nach Rostock gegeben hätte?
    Warum kam es ausgerechnet im zwischen Warnow und Wald für die Polizei schwer zugänglichen Pölchow und nicht bereits beim vorherigen Halt in Huckstorf, d.h. beim ersten Stop nach Zusteigen der Fusion-Teilnehmer mit bereits 5 Minuten Fahrzeit und laut Zeugenaussagen bereits begonnenen Rangeleien, oder beim späteren Halt in Papendorf zu den schweren Auseinandersetzungen?
    Waren wirklich alle beteiligten Rechtsextremisten schon in Schwaan in der gewöhnlich aus drei Doppelstockwaggons bestehenden S-Bahn, in der mindestens 100 militante Rechte von den ca. 60-70 Fusion-Teilnehmern kaum zu übersehen gewesen wären und in den einzusteigen als durchaus verwegen bezeichnet werden darf?
    Wie kommt es, dass die meisten rechten Angreifer laut Zeugenaussagen mit Holzlatten auf ihre Opfer eingeschlagen haben, die sie nicht am Haltepunkt Pölchöw von der Umzäunung gebrochen haben können, weil diese noch immer bis auf vier zum Teil abgebrochene Latten zwar morsch aber intakt ist?
    Unter Berücksichtigung aller genannten Punkte ergibt sich folgendes mögliches Szenario:
    Im Vorfeld der Mobilisierung der Antifa für die Gegendemonstration in Rostock war vor allem auf Indymedia immer wieder von den zahlreich hierzu erwartenden “Fusion-Leuten” die Rede, die Anreisevarianten wurden hier diskutiert. Dass Indymedia eine beliebte Informationsquelle für die Rechten ist, läßt sich ohne Mühe u.a. auf altermedia nachvollziehen. Nach Zeugenaussagen wurden ungewöhnlicherweise auch Neonazis auf dem Fusiongelände gesichtet. Es ist also davon auszugehen, dass die etwas umständliche Anreise von der Fusion per Bus bis Schwaan und weiter per S-Bahn nach Rostock im Detail bekannt war.
    Der Haltepunkt Pölchow liegt neben einigen einzelnen Häusern ca. 1 km abseits der eigentlichen Ortschaft zwischen dem Fluß Warnow und einem ausgedehnten angrenzenden Waldstück und ist nur über einen einzigen Plattenweg durch diesen Wald zu erreichen. Die Anfahrt per Auto aus der Rostocker Innenstadt dauert ca. 15-20 Minuten, rechnet man die Verzögerungen durch die Alarmierungskette der Polizei hinzu, erscheint das in den Zeugenaussagen mit erst nach 30 Minuten als zu spät beklagte Eintreffen der Polizei als plausibel. Außerdem bieten der umliegende Wald und ein ca. 1 km südlich nahe Wahrstorf an der Bahnstrecke gelegenes ehemaliges Komplexlager der NVA, dessen Hallen in den letzten Jahren auch schon mal für Schießübungen genutzt worden sein sollen, ideale Verstecke für plötzlich zufällig auftauchende Unterstützer und ihre Fahrzeuge, was auch erklären könnte, warum die Bahnhofsumzäunung trotz der von Zeugen beobachteten Benutzung von Holzlatten während der Nazi-Attacke weitgehend intakt ist und warum mindestens 20 Rechtsextremisten sich beim Eintreffen der Polizei in die Büsche schlugen um dann trotzdem eventuell wunderbarerweise den Aufmarsch in Rostock zu verstärken.
    Zusammengefasst ist Pölchow ein idealer Ort, um abseits der Öffentlichkeit eine angebliche Attacke der Linken auf die friedlich anreisenden Rechten vorzutäuschen, daraus in wunderbarer Notwehr mit aus dem Nichts hervorgezauberten Latten u.ä. mit diesen abzurechnen und dies auch noch über den biederen, zufällig anwesenden Udo Pastörs Kraft seiner Autorität als Landtagsabgeordneter als ebensolche Notwehr gegen die linken Extremisten, gegen die man ja gerade friedlich demonstrieren wolle, an Polizei und Medien zu verkaufen.

  • Dieter Sprenger said:

    Streit um Berichterstattung – Kritik an Opferverein Lobbi e.v.

    05.07.2007: Rostock/MVregio Im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung von
    Linken und Rechten in einer S-Bahn von Güstrow nach Rostock aus Anlass einer
    NPD Demo

    wächst die Kritik an dem Verein für Opferbetreuung rechter Gewalt Lobbi e.V.
    aus Rostock. Dieser hatte unmittelbar nach den Ausschreitungen in der S-Bahn
    und auf dem Bahnhof Pölchow bei Rostock auf seiner Internetseite unter dem
    Titel: “Rechter Gewaltexzess vor NPD-Demo” unter Berufung auf mehrere
    Zeugenaussagen zu den Vorfällen berichtet. Darin wird unter anderem von
    mehreren Schwerverletzen sowie einem verletzten Kind und brutalen
    Übergriffen diverser NPD-Anhänger berichtet. Kern dieser Berichterstattung
    sind angebliche Gedächtnisprotokolle von Opfern sowie Aussagen von Personen,
    die vor Ort gewesen sein sollen.

    Bei der zuständigen Polizeifachabteilung stieß vor allem die Menge und
    Detailtreue der auf der Webseite des Vereins geschilderten Abläufe auf
    Erstaunen. So konnten bisher weder das angeblich verletzte Kind noch die
    Schwerverletzten ausfindig gemacht werden. Auch die verwendeten Zaunlatten,
    mit denen angeblich auf Leute eingeschlagen wurde, sind nicht nachzuweisen.

    Der Sprecher des Juso-Landesverbandes MV Matthias Marx distanziert sich
    inzwischen von der Version und äußerte gegenüber MVregio News am Mittwoch,
    man habe noch erheblichen Aufklärungsbedarf. So lange man da nicht klar
    sehe, sei eine derartige Berichterstattung einfach unseriös und diene nicht
    der Sache.

    Auch andere gemäßigte Linke Medien und Organisationen zweifeln inzwischen
    erheblich an der Darstellung der Vorgänge durch den Verein und äußerten sich
    besorgt über den möglichen Schaden durch unwahre Berichterstattung. So sagte
    ein Sprecher, es werde wohl besser sein, die Ermittlungen der
    Polizeibehörden abzuwarten. Vorschnelle Schlüsse seien in der
    Auseinandersetzung mit der NPD kein adäquates Mittel.

    Der Sprecher der Junge Union Rostock Kay Mieske kritisiert: “Die
    Berichterstattungen der staatlich geförderten Einrichtung zur Opferbetreuung
    rechter Gewalt “Lobbi e.V.” scheinen ungeprüft und deshalb vorschnell
    veröffentlicht worden zu sein. Bei aller Solidarität für das gemeinsame
    Anliegen, extremistischen Gruppierungen das Handwerk zu legen, wird doch der
    bislang seriöse Ruf der Verfasser durch diesen Artikel beschädigt. Zu allem
    Überfluss erhält die NPD erneut Munition für ihre politische Agitation.
    Gerade “Lobbi e.V.” sollte im eigenen Interesse bedacht sein, sich nicht dem
    Vorwurf auszusetzen, politisch instrumentalisierbar zu sein.”

    Kritisch sehen auch Kenner der rechten Szene die Vorgänge. Mit solchen
    falschen oder nicht überprüften Berichten werde die Stimmung nur noch mehr
    angeheizt, warnen sie. Hinzu kommt, dass man damit den Rechten nur Trümpfe
    in die Hand spielt. Es wäre fatal, wenn die NPD im Innenausschuss des
    Schweriner Landtages bescheinigt bekommt, dass die Berichte eines mit
    Steuergeldern finanzierten Opfervereins falsch waren.

    Der Verein selber wollte sich dazu nicht mehr äußern, betonte aber, es
    bleibe bei der veröffentlichten Version der Vorfälle. Gegenüber MVregio News
    bestätigte ein Sprecher von Lobbi e.V. Rostock, dass man über keine Fakten
    verfüge. Vielmehr lägen nur ungeprüfte Gedächtnisprotokolle von Opfern vor.
    Es sei nicht Aufgabe des Vereins, diese zu überprüfen. Wer diesen Bericht
    anzweifle, mache sich quasi zum Handlanger von Neonazis, so die Meinung des
    Sprechers gegenüber MVregio News.

    Beim Sozialministerium in Schwerin wird derzeit geprüft, in welcher Form
    sich der Verein in Zukunft einbringen kann und welche Förderungen ihm in
    Zukunft zu Teil werden. “Dabei ist die Vorgabe eines Gutachtens der
    Universitäten Rostock und Greifswald zu beachten. Darin wird gefordert, die
    Opferberatung und die Arbeit “Demokratie und Toleranz” räumlich zu trennen.
    Das bedeutet für Lobbi e.V., sie müssen sich entscheiden, in welchem Bereich
    sie in Zukunft arbeiten wollen”, so die Sprecherin des Sozialministeriums
    Nicolette Otto gegenüber MVregio. Die derzeitige Kritik an dem Verein wolle
    man nicht bewerten, so die Sprecherin abschließend.

    http://www.mvregio.de/show/42540.html

  • tim said:

    teilweise sind die berichte wirklich sehr kreativ und beruhen nicht auf tatsachen. zu den abgebrochenen zaunlatten kann ich nur sagen, dass anscheinend auch hier google-journalismus betrieben wurde. Denn wenn der Autor dieses überprüft hätte und den Pölchower Bahnhof sich angeschaut hätte, hätte er festgestellt, dass man selbst bei flüchtigen hingucken schon 10 Lücken im Zaun findet.
    Außerdem sollte man wohl nicht die Junge Union zitieren, wenn man eine Meinung zu Lobby haben will. denn das diese Jugendvereinigung mittlerweile relativ weit nach rechts gerückt ist, müsste jedem halbwegs politisch interessierten Menschen klar sein.

  • toben said:

    Die Scheiben wurden nicht eingedrückt, sondern mit Pflastersteinen aus dem Gleisbett eingeworfen.

Kommentieren Sie den Beitrag!

Add your comment below, or trackback from your own site. You can also subscribe to these comments via RSS.

Kein Spam und bitte zum Thema.

You can use these tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

This is a Gravatar-enabled weblog. To get your own globally-recognized-avatar, please register at Gravatar.