14 Kommentare

  1. E.S.

    Leider wird auch hier wiederum die eigentliche Fragestellung absolut verzerrt.

    Es kann nämlich überhaupt nicht um die Frage gehen, ob das Ende der NS-Herrschaft keine Befreiung gewesen wäre. Natürlich ist der Tag letztlich ein zentrales Symbol für die Befreiung von einer Diktatur, die für den Tod und die unmenschliche Behandlung von vielen Millionen Menschen verantwortlich war. Dies war er mit Sicherheit.

    Es geht vielmehr um die Verabsolutierung des Begriffes Befreiung, wenn er in einem Sinne verwendet wird, der keinen direkten Bezug zur NS-Herrschaft mehr aufweist, sondern in vollkommen allgemeiner Weise gebracht wird. Denn natürlich bedeutete diese Befreiung von der NS-Herrschaft am 8. Mai eben leider keineswegs, daß damit für viele Bürger automatisch das Leid und die Unfreiheit geendet hätten. Vielmehr geriet ein Teil von ihnen erneut in Unfreiheit unter die Herrschaft eines diktatorischen Regimes gerieten. Die endgültige Befreiung erlebten diese Menschen erst im Herbst 1989.

    Als generell problematisch empfinde ich es daher, eine staatliche Lesart dieses Datums für alle Bürger um jeden Preis durchsetzen zu wollen. Ein demokratisches System lebt doch von lebhaften Diskussionen und von Kontroversen; es benötigt keine starren Festschreibungen, die keinerlei Spielraum für individuelle Interpretationen und die Einbindung von individuellen Biographien mehr eröffnen.

  2. neuer Leser

    Herr Schultz, ich glaube nicht, dass Richard von Weizsäcker, als er den 8. Mai 1945 den “Tag der Befreiung” nannte, ausgeblendet hat, dass innerhalb von vier Jahren eine neue Diktatur auf einem Teil des deutschen Bodens errichtet wurde. So einfältig ist der ehemalige Bundespräsident keinesfalls. Und auch heute wissen all jene, die diese Wendung benutzen, dass es die DDR gab und dass die dort lebenden Menschen keinesfalls in irgendeinem Paradies lebten.

    Ich glaube, dass ist so selbstverständlich und offensichtlch, dass darüber nicht diskutiert werden muss.

    Zur Beruhigung des rechten Lagers schlage ich vor, den 8. Mai 1945 “Tag des Übergangs” (“Day of Transition”) zu nennen. Wie schön nichtssagend :-)

    Im Übrigen ist die (ewige) Debatte um den 8. Mai 1945 viel spannender in Osteuropa zu verfolgen als in Deutschland – dort geht es nämlich um “sein oder nicht sein”.

  3. Quarktasche

    @E.S.

    Die genaue Bezeichnung ist in Meck-Pomm: “65. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des 2. Weltkrieges”. Ich denke der Autor hat das aus ganz praktischen Gründen in der Überschrift abgekürzt…

  4. E.S.

    @ neuer Leser

    Daß es bei weitem nicht so selbstverständlich ist, konnten Sie vor nicht allzulanger Zeit an einigen Reaktionen auf den Titel von Hubertus Knabe “Tag der Befreiung? Der 8. Mai in Ostdeutschland” sehen.

    Auf jeden Fall sind die persönlichen Erinnerungen unterschiedlicher Art, und man sollte zumindest keinen direkt von Vertreibung oder kommunistischer Diktatur Betroffenen oder deren Angehörigen dazu nötigen, sich am 8. Mai an Befreiungsfeiern zu beteiligen. Der 8. Mai ist in meinen Augen dazu geeignet, über das gesamte 20. Jahrhundert und seine Tragik nachzudenken – und ich denke, genau dies ist die angemessene Form.

    Im übrigen ging es mir um die Tendenz des Ausgangstextes, jeden, der die Dinge etwas differenzierter sieht, automatisch in eine “rechte” Ecke abzuschieben. Mir wäre zudem neu, daß man in einer Demokratie eine Einschätzung des Bundespräsidenten zu 100 Prozent teilen muß. Hier gibt aus guten Gründen keine staatlich festgelegten Erinnerungsvorschriften wie in der DDR, die von Anfang an der individuellen Erinnerung keinen Raum ließ.

  5. O.B.

    Ist das nicht irgendwie selbstentlarvend, wenn man diesen Tag nicht als “Tag der Befreiung” anerkennt? Europa wurde an diesem Tag vom Nationalsozialismus befreit. Sehr viele Menschen in Europa und in der Welt empfanden diesen Tag als entgültige Befreiung. Und selbst Hierzulande waren viele froh, dass dieser Spuk ein entgültiges Ende hatte.

    Für mich es es deswegen schon ein “Tag der Befreiung”, da ich mich mit nichts, was dem Naziregime ausmachte, identifizieren kann. Dieses Regime war für ich Ausdruck alldessen, was dieses Land nicht sein soll. Mit Verbrechern kann ich mich schlichtweg nicht identifizieren. Deshalb “Tag der Befreiung”.

    “Kein Deutscher mit etwas Geschichtsbewußtsein und nationaler Selbstachtung kann den 8. Mai 1945 als ‚Tag der Befreiung’ feiern.”

    Doch, gerade wenn man Deutscher mit etwas Geschichtsbewusstsein und Selbstachtung ist, dann feiert man diesen Tag als Befreiung. Kein Deutscher mit Geschichtsbewusstsein und Selbstachtung sowie Verstand identifiziert sich mit einen verbrecherischen Regime, welches mit purer Absicht das Volk ins Verderben geführt hat und den Name “Deutschland” bis heute schändete wie es noch nie zuvor und danach jemand getan hat.

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

  6. Axel Mylius

    Das Folgende liest sich ziemlich aktuell … ist aber bereits “Hornalt” (1993!)

    … In unserem Land wird eben nicht dazu gelernt: Deutschland wird im Angesicht seiner “Konservativen” IMMER “das Opfer” bleiben … “das Opfer” der Juden, der Allierten, “der Umerziehung” usw. – Immer seien wir Deutschen in irgend eine “Falle” gelockt, zu Massen vergewaltigt, hinter “das Licht” geführt und mißverstanden worden. – Wo doch der alte “Soldaten-Kaiser” und Adolf Hitler nur Gutes für Europa wollten…

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13682779.html ,u.A.:

    “(…)

    Und es boten sich dem im Ersten Weltkrieg gedemütigten Volk dekorative Garanten für den neuen Führer an. Reichspräsident Paul von Hindenburg, der alte Generalfeldmarschall, der dem Kaiser den Krieg hatte verlieren helfen, ernannte den “Strolch” und “Spieler” (so Erich Fromm) zum Reichskanzler und wallfahrte mit Hitler an die Gruft Friedrichs des Großen.

    Die politische Droge des Nazi-Rauschs war noch giftiger als die des Kaiserpomps, das Erwachen weit furchtbarer. Hitlers Unterdrückungs- und Eroberungswahn erwies sich als vulgäre Übersteigerung preußisch-deutscher Machtpolitik, die zum Selbstzweck wurde.

    Die völkischen Machtmenschen waren schnell fertig mit dem von ihnen vergötzten Volk, wenn es nicht so konnte, wie sie es wollten. Als Hindenburgs strategischer Kopf Erich Ludendorff seine letzte Kugel im Lauf hatte, die Sommeroffensive 1918 im Westen, antwortete er auf Zweifel am Erfolg: “Dann muß Deutschland eben zugrunde gehen.”

    Der österreichische Hasardeur dachte genauso. Zum Schluß wendete sich Hitlers Mordtrieb, mit dem er Juden, Zigeuner, Polen, Russen verfolgt hatte, in seinen “Nero-Befehlen” zur Zerstörung der Lebensgrundlagen gegen das eigene Volk.

    Rund 10 Millionen Menschenleben hat der Wahn im Ersten Weltkrieg gekostet, den Deutsche und Österreicher gemeinsam, wenn auch nicht allein, nach den Schüssen von Sarajevo ausgelöst hatten. 55 Millionen Menschen wurden Opfer des von Hitler begonnenen Zweiten Weltkriegs, davon allein mehr als 20 Millionen Sowjetbürger.

    Die unauslöschliche Schande des Judenmords, organisiert von SS-Chef Heinrich Himmler, haben in den achtziger Jahren im sogenannten Historikerstreit einige deutsche Professoren zu verwischen versucht.

    Faschismusforscher Ernst Nolte konstruierte 1986 in einem Aufsatz für die FAZ, auf dem Wege der Vermutung, einen “kausalen Nexus” zwischen den Verbrechen Stalins und Hitlers. Womöglich, argumentierte er in Frageform, hätten die Nazis “eine ,asiatische” Tat” nur deshalb vollbracht, weil sie sich “als potentielle oder wirkliche Opfer einer ,asiatischen” Tat betrachteten”.

    Neu war für ihn nur der “technische Vorgang der Vergasung”. Nolte: “War nicht der ,Archipel Gulag” ursprünglicher als Auschwitz?” Hitler erkannte er sogar das Recht zu, die Juden als Kriegsgefangene zu internieren, weil ihm der Präsident des Jüdischen Weltkongresses 1939 zusammen mit England “den Krieg erklärt” hatte.

    Der apologetische Zug solcher Betrachtungen prägte auch andere Studien jener Jahre. So verglich der Kölner Historiker Andreas Hillgruber den “gesinnungsethischen” Widerstand vom 20. Juli 1944 mit der “verantwortungsethischen” Gegenwehr der deutschen Ostfront gegen die “Racheorgien der Roten Armee” – und ergriff Partei gegen die Widerständler.

    Dabei besorgten die Revisionisten offen das Geschäft konservativer Gesinnungsfreunde in der Politik, die dankbar die Aufhellung eines düsteren Kapitels der Vergangenheit begrüßten. Michael Stürmer bestätigte die Strategie, “daß in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet”.

    Die Neo-Nationalisten führen die Deutungsversuche auf ihre Weise fort. Sie wollen erklärtermaßen die geistige Führung übernehmen, von der Kanzlerkandidat Kohl immer sprach, und mit konservativen Werten “dem gesunden Menschenverstand Gehör” verschaffen (Weißmann).

    Schon wurde ein gründliches Umerziehungsprogramm entwickelt. Oberstes Ziel ist jetzt, angebliche “Degenerationserscheinungen des politischen Systems” aufzudecken und auszukurieren. Der Angriff richtet sich gegen gesellschaftliche Reformen und emanzipatorische Entwicklungen, Hinterlassenschaften der 68er Generation und der sozialliberalen Koalition.

    Erfreulich finden die neuen Sinnvermittler Auflösungstendenzen im linken Lager. Die Strategen der Ostpolitik haben sich verschärfter moralischer Kritik zu stellen: Sie hätten sich zu sehr auf die totalitären Staaten im anderen Deutschland und in Osteuropa eingelassen – auf Kosten der um die Freiheit kämpfenden Dissidenten.

    (…), Auszug Ende.

  7. Axel Mylius

    Den Alliierten wurde ein “i” gestohlen! – Niemand verläßt den Saal! *lol* ;)

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