Tag der Befreiung: Der rechte Opfermythos lebt

Die Geschichte der extremen Rechten in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg ist eine Aneinanderreihung von Spaltungen, Schlammschlachten und Streitereien. Nachdem die  Rechte mit freundlicher Unterstützung der damaligen Eliten und der „Volksgemeinschaft“ das größte Menschheitsverbrechen verübt hatte, hält der kollektive Kater über die totale Niederlage bis heute an. Kein Thema verbindet die verschiedenen Strömungen und Organisationen der Rechten so sehr, wie die NS-Vergangenheit sowie die deutschen Pleiten in den Weltkriegen.

Von Robert von Seeve für NPD-BLOG.INFO

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"Die Deutschen werden den Juden Ausschwitz niemals verzeihen" (Zwi Rex), Foto: Hans Mecon)

Der 8. Mai spielt daher bis heute eine überragende Rolle – und die extreme Rechte versucht, den Fokus weiter in Richtung deutsche Opfer zu verschieben – und die NS-Opfer auszublenden. So schreiben die rechtsradikalen Republikaner anlässlich des 8. Mais, dies sei kein Tag der Befreiung. Die Reps „wenden sich gegen [den] geschichtspolitischen Mißbrauch des Jahrestags der Kapitulation“. Und weiter: „Millionen Deutsche seien nach dem 8. Mai Opfer von Nachkriegsverbrechen geworden, die nicht als bloße „Reaktion“ auf NS-Untaten verharmlost und aufgerechnet werden könnten. Der 8. Mai dürfe nicht geschichtspolitisch mißbraucht werden, um die Verbrechen des Stalinismus und Kommunismus zu verdrängen.“

Obacht, hier geht es also nicht nur um die Relativierung der NS-Verbrechen, wie sie die extreme Rechte gerne betreibt, sondern die Reps beklagen sich über eine Verharmlosung der Verbrechen des Stalinismus. Um der perfiden Argumentation noch die Krone aufzusetzen, heißt es weiter:

Eine Befreiung gab es nur für diejenigen, deren Leben und Freiheit unmittelbar vom NS-Regime bedroht waren.

Also „nur“ für zig-Millionen „Untermenschen“ in Osteuropa und anderen besetzten Gebieten Europas, „nur“ für die noch übriggebliebenen Juden, die noch nicht industriell verwertet wurden, „nur“ für die Millionen Zwangsarbeiter, die sich für deutsche Unternehmen zu Tode schinden mussten – und „nur“ für alle Menschen, die nicht in das wahnsinnige Menschenrassenbild der Nazis passten. Der Spruch mit dem Fressen und dem Kotzen ist alt – aber weiterhin aktuell.

Lesetipp: Ernst Piper über „Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit

Beispielhaft zelebrieren die Republikaner im Folgenden die Totalitarismustheorie.Auf dem halben Kontinent sei durch den Vormarsch der Roten Armee ins Herz Europas die eine totalitäre Diktatur durch eine andere abgelöst worden, sagte Schlierer. Der Bundesvorsitzende der Republikaner kritisierte zudem eine Initiative der rot-roten Koalition in Berlin, den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ zum „nationalen Gedenktag“ zu erheben. Diese thematisiert auch die „Junge Freiheit“ – und in den Kommentaren wird deutlich, wie Salon-Rechtsradikale darüber denken. So schreibt M.:

Die berüchtigten Internierungslager der Amis (Rheinwiesenlager) und die KZs der Sowjets, samt Massenvergewaltigungen von Mädchen und Frauen, passen irgendwie nicht so ganz zu ihrem rosaroten Geschichts-Bild, Herr Wowereit. 8. Mai – Tag der Befreiung® – das stinkt widerlich nach rotem Faschismus!

Und P. scheint bei der Rede von NPD-Funktionär Pastörs über die „Judenrepublik“ genau zugehört zu haben:

Das letzte Zucken einer Politiker-Kaste, die genau weiß, dass ihr letztes Stündlein schon bald geschlagen hat. Lasst sie reden, wir werden nichts vergessen! Der ganze elende Haufen wird im Handumdrehen verschwinden, wenn uns die weltweiten Finanzsysteme erstmal um die Ohren fliegen.

Ein anderer P. geifert:

Ich klage das SPD Gesindel an als Morgenthau Plan Leugner.

Die NPD baut ihre Propaganda ganz ähnlich auf. Das Gedenken an die Opfer der Nazis sei kommunistische Propaganda – damit versucht man praktischerweise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Es wird von den deutschen Verbrechen abgelenkt und man kann den politischen Feind als „rotlackierte Faschisten“ o.ä.  beleidigen. Bei Jürgen Gansel klingt das in diesem Jahr so:

Die militärische Niederwerfung Deutschlands zur Befreiung umzulügen, ist eine geschichtspolitische Räuberpistole, die einem durch und durch kommunistischen Geschichtsbild folgt. Kein Deutscher mit etwas Geschichtsbewußtsein und nationaler Selbstachtung kann den 8. Mai 1945 als ‚Tag der Befreiung’ feiern. Schließlich markiert dieses Datum den Beginn der gewaltsamen Vertreibung von 14 Millionen Deutschen aus den Ostgebieten, der staatlichen Teilung des Vaterlandes und der Errichtung kommunistischer Diktaturen in Mittel- und Ostdeutschland.

Sogar die CDU in Mecklenburg-Vorpommern greift zum 8. Mai „den Beginn einer weiteren Diktatur“ auf, so als sei der Nationalsozialismus lediglich eine Episode von vielen gewesen:

Der 8. Mai 1945 ist der Tag der Befreiung Deutschlands von der nationalsozialistischen Barbarei. Mit der Befreiung der letzten Konzentrationslager und Verhaftung und späteren Aburteilung der Verantwortlichen wurde der Holocaust und damit eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte beendet. Gleichzeitig markiert der 8. Mai 1945 für die neuen Bundesländer jedoch auch den Beginn einer weiteren Diktatur, die mit Geschichtsumdeutungen und verordnetem Schweigen einherging. Unter dem Zeichen von Hammer und Sichel begann neues Unrecht.

Dämonisierung der DDR – Hand in Hand mit der Relativierung der Verbrechen der NS-Zeit. Die kleine Schwester dieser Totalitarismustheorie ist die Extremismus-Theorie, mit der Antifaschismus mit Neonazismus gleichgesetzt werden soll. Die Definitionsmacht über die Geschichte bestimmt auch die Gegenwart mit. Der deutsche Opfermythos lebt – besonders zum 8. Mai – obwohl es bereits 25 Jahre her ist, dass der damalige Bundespräsident von Weizsäcker – obwohl so gar nicht als Kommunistenfreund bekannt – vom Tag der Befreiung sprach – und gleichzeitig an das Leid vieler Menschen danach erinnerte. Aber er betonte auch:

Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

Siehe auch: Leipzig in der Extremismus-Falle, Neonazi-Aufmarsch am 8. Mai in Wiesbadener Vorort genehmigt, Elbe-Day: NPD kündigt alljährlichen Aufmarsch an, Hitler tat alles, um seine erbärmliche Existenz zu verlängern, Sobibor 1943: Aufstand in der Hölle, Vor 65 Jahren: Das Unternehmen “Overlord”, Die NPD und der Holocaust: Relativieren statt leugnen, Holocaust-Relativierung und Täter-Opfer-Umkehr: Neonazis am 27. Januar gegen “Holocaust” in Gaza