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SZ druckt JF-Anzeigen – Leserbrief dazu aber nicht

09. Oktober 2010 15:45 1.712 mal abgerufen 11 Kommentare

Die Süddeutsche Zeitung hat großformatige Anzeigen der “Jungen Freiheit” veröffentlicht. Einen Leserbrief, der dies kritisiert, wollte das Blatt aber nicht drucken. NPD-BLOG.INFO dokumentiert das Schreiben an die SZ, welche in ihrem Online-Shop übrigens auch Literatur aus rechtsextremen Verlagen vertreibt. Aber hier zunächst der Brief:

4. Oktober 2010
Sehr geehrte Damen und Herren,

die Süddeutsche Zeitung druckte in ihrer Wochenendausgabe vom 2./3. Oktober eine großformatige Werbeanzeige der Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Die „Junge Freiheit“ ist das Flaggschiff der extrem rechten Publizistik in Deutschland, das sich seit geraumer Zeit in einer bürgerlich-konservativen Verpackung zu verkaufen versucht. Sie bietet all jenen eine Plattform, denen die NPD und Straßennazis zu primitiv sind und die ihren Nationalchauvinismus gerne mit einem gewissen kulturellen Niveau verbrämen. Sie ist in der Grauzone zwischen Neokonservatismus und Neofaschismus beheimatet und arbeitet seit zwei Jahrzehnten an der historischen Legende einer „sauberen deutschen Rechten“ jenseits der NSDAP. Dabei waren es gerade die geistigen Vorbilder der „Jungen Freiheit“, die Hitler in Weimar den Weg an die Macht geebnet haben: Die Schriften Oswald Spenglers, Arthur Moeller van den Brucks und Ernst Jüngers haben das geistige Feld bereitet, die Kreise um Franz von Papen und Carl Schmitt die politischen Weichen gestellt.

Die „Junge Freiheit“ bezieht sich seit jeher auf jene politischen Kräfte, die mit der NSDAP die Koalition eingingen, und führt deren völkischen Nationalismus fort. Autoren der „Jungen Freiheit“ und Aktivisten des mit ihr eng verbundenen „Instituts für Staatspolitik“ betreiben die intellektuelle und politische Rehabilitation des europäischen Faschismus. Als Beispiel für diese Strategie sei der in der Anzeige namentlich erwähnte Karlheinz Weißmann genannt. Die „Junge Freiheit“ steht zudem für einen aggressiven christlichen Fundamentalismus. Sie verbreitet geschichtsrevisionistische Thesen und stellt die Ergebnisse der historischen Forschungen zur Vernichtung des europäischen Judentums in Abrede. So ergriff sie nicht nur Partei für den Holocaustleuger der fundamentalistischen Pius-Bruderschaft, Bischof Richard Williamson, sondern verbreitet, die Ergebnisse der Erforschung des Holocausts seien „von wissenschaftsfremden Kräften vorgegeben“ (JF 8/2009). Man führe sich zudem vor Augen, dass ihre Anhänger im November 2009 ernsthaft gegen die Teilnahme der Bundeskanzlerin Angela Merkel an den Gedenkfeierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkrieges demonstrierten. Ihre außenpolitische Programmatik wäre, sollte sie jemals umgesetzt werden, eine Gefahr für den Frieden in Europa.

Es war zu erwarten, dass die „Junge Freiheit“ im Schatten der Demagogen vom Schlage Thilo Sarrazins und Erika Steinbachs die angeheizte Debatte über eine „Renaissance des Konservatismus“ für ihre Zwecke nutzen würde. Nicht zu erwarten war dagegen, dass sich ein seriöses Medium wie die Süddeutsche Zeitung für eine Anzeige dieses Organs zur Verfügung stellt. Wir fordern die Süddeutsche Zeitung dazu auf, diesem Normalisierungsprozess völkischer und extrem rechter Positionen nicht auch noch Vorschub zu leisten und bei der Auswahl ihrer Anzeigenkunden künftig etwas sensibler zu Werke zu gehen.

Mit freundlichen Grüßen

Knud Andresen, Studienleiter Gustav-Heinemann-Bildungsstätte, Bad Malente
Friedrich Burschel, Referent zu Neonazismus und Strukturen/Ideologien der Ungleichwertigkeit, Rosa Luxemburg Stiftung
Anna Conrads, rechtspolitische Sprecherin DIE LINKE im NRW-Landtag
Prof. Dr. Michel Cullin, ehemaliger stellvertretender Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks
Prof. Dr. Frank Deppe, Marburg
Michael Ebenau, Gewerkschaftssekretär, IG Metall Jena-Saalfeld und IG Metall Gera
Prof. Dr. Norbert Finzsch, Direktor der Anglo-Amerikanischen Abteilung des Historischen Instituts, Universität zu Köln
Richard Gebhardt, Politikwissenschaftler, RWTH Aachen
Prof. Dr. Wolfgang Fritz Haug, Berliner Institut für kritische Theorie e.V.
PD Dr. Kirsten Heinsohn
Dr. habil Klaus Holz, Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland, Berlin
Prof. Dr. Siegfried Jäger, Duisburg
Jan Jetter, Bildungsreferent, Hamburg
Stefan Kausch, Engagierte Wissenschaft e.V., Leipzig
Kerstin Köditz, MdL Sachsen; Sprecherin der Fraktion Die LINKE für antifaschistische Politik
Hildgarde Lisse, SPD-Aachen-Ost, ehem. Ratsfrau im Rat der Stadt Aachen
Birgit Mollemeier
Dr. Thomas Müller, Sozialwissenschaftler und Historiker, Aachen
Petra Pau, MdB, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages
Frank Schubert, Forum für kritische Rechtsextremismusforschung , Leipzig
Dr. Stefan Vogt, Ben-Gurion University of the Negev, Beer-Sheva, Israel
Dr. Volker Weiß, Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e.V.
Volkmar Wölk
Uwe Wötzel, Gewerkschaftssekretär, ver.di

sowie:

Antifaschistisches Bündnis Bergedorf, Hamburg
Mobiles Beratungsteam gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Hessen
Opferperspektive Brandenburg e.V., Beratung von Opfern rechts-motivierter Gewalt
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der antifaschistischen Konferenz „Manometer“ vom 1. – 3. Oktober in Kassel

Die SZ begründete die Ablehnung des Leserbriefs damit, dass Anzeigen grundsätzlich auf der Leserbriefseite nicht diskutiert würden. Wie aus der Leserbriefabteilung des Verlags zu hören ist, gab es aber offenbar bereits einige Beschwerden.

Rechtsextreme Literatur im Online-Shop

Die Süddeutsche Zeitung vertreibt wie erwähnt über ihre Internet-Seite zudem rechtsextreme Literatur. Unter anderem werden in dem Shop auf sueddeutsche.de Bücher aus dem “Winkelried”-Verlag angeboten. Dieser gehört einem NPD-Funktionär. Außerdem bietet die SZ in ihrem Online-Shop unter anderem Werke des NS-Helden und späteren rechtsextremen Funktionärs Hans Ulrich Rudel an. Das Unternehmen teilte auf Anfrage mit, man vertreibe die Angebote, da diese nicht indiziert seien.

Eine Sprecherin der SZ räumte aber ein, man habe bereits mehrfach Beschwerden über die rechtsextremen Angebote erhalten. Allerdings wolle man “keine Zensur” ausüben, sagte sie auf Anfrage des Autors. Zu dem Einwand, ein Nicht-Anbieten von frei zugänglichen Werken in einem privaten Shop sei keine “Zensur”, äußerte sich die Sprecherin nicht. Auch zu der größeren Reichweite sowie der Aufwertung der rechtsextremen Literatur durch die Einbindung in den SZ-Shop gab die Sprecherin keine Kommentar ab. Sie verwies auf eine Stellungnahme des SZ-Vertragspartners “Libri”, wonach man “grundsätzlich [...] Titel aus dem gesamten politischen Spektrum” aufnehme. Dieser Position schließe sich die SZ an. 

Daher vertreibt die SZ nun Bücher wie die des ehemaligen Offiziers der Waffen-SS Leon Degrelle, dessen Schriften auch im rechtsextremen Grabert-Verlag erscheinen – oder sogar auf dem Index stehen (“Die verlorene Legion”). Auch das “Kriegstagebuch” von Hans Ulrich Rudel, einem bekannten NS-Fliegerhelden, der sich auch nach dem Krieg in Nazi-Kreisen bewegte, wird auf den Seiten der Süddeutschen angeboten. Ein Leser von NPD-BLOG.INFO, der von der SZ auf seine Beschwerde hin gar keine Antwort erhalten hatte, kündigte mittlerweile sein Abo. 

Hintergrund: Der Winkelried-Verlag, dessen Werke über den SZ-Shop angeboten werden, gehört nach Angaben im Impressum Eric Kladen. Kaden (Jg. 1976) ist nach Angaben des Netz gegen Nazis (Stand 2007) Versandbuchhändler, Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion in Schwerin und war Aktivist der mittlerweile verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ). Mittlerweile wird Kaden nicht mehr als Mitarbeiter der NPD-Fraktion geführt.

Alle Meldungen zur Jungen Freiheit

11 Kommentare »

  • Tweets that mention NPD-BLOG.INFO » Blog Archive » SZ druckt JF-Anzeigen – Leserbrief dazu aber nicht -- Topsy.com said:

    [...] This post was mentioned on Twitter by Michael Klarmann and Brennpunkt Blog, Gegen Nazis. Gegen Nazis said: @npdde @claus_cremer SZ druckt JF-Anzeigen – Leserbrief dazu aber nicht: Die Süddeutsche Zeitung hat großformatige… http://bit.ly/dx9ewS [...]

  • Antiveganer said:

    Natürlich veröffentlichen sie den nicht, ist doch auch geschäftsschädigend. Wenn ihr den als Anzeige schaltet, und zwar als größere als die JF, dann lassen sie vielleicht mit sich reden.

    Auf den Inhalt “ihres” Onlineshops haben die allerdings vermutlich weniger Einfluß als ihr auf den Inhalt der Werbeanzeigen von Amazon.

  • Alexander Diehl said:

    da erinnert man sich doch gerne an die hier abgebildete Krähenkeilerei unter Beteiligung gleich zweier so genannter Leitmedien aus dem vergangenen Jahr …

    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/denn-sieh-das-schlechte-liegt-so-nah/

  • Axel Mylius said:

    Das wäre dann schon der zweite “Fauxpas” nach http://npd-blog.info/2010/07/20/sz-bauer-amazon/ , bei dem die Redaktion und das Management der SZ “aus-dem-mustopf-artig” stammeln würde, dass sie nichts mit ihrer Anzeigenabteilung, den Leserbriefen, dem Versand etc. zu tun hätten… und dass einem vollkommen neu sei, was eigentlich Jeder zur “Jungen Freiheit” weiß bzw. wissen müsste.

    Vielleicht würde man auch – hinsichtlich der flächendeckenden Werbung für die JF – sagen: “Es war nicht so gemeint, wie es aussieht.” *lol* ;)

    Gott erhalte Redakteuren in Süddeutschland ihre “Unwissenheit”…

  • SZ druckt JF-Anzeigen – Leserbrief dazu aber nicht | Antifaschista – Blog said:

    [...] WEITERLESEN This entry was posted in npd-blog. Bookmark the permalink. ← NPD-BLOG.INFO gelöscht – Facebook nur für Nazis? [...]

  • Mr. X said:

    Schon 2006 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen “Appell für die Pressefreiheit” anlässlich ihrer Ausladung zur Leipziger Buchmesse. Der kurze Text war unterschrieben u.a. von Röhl und war als Anzeige gedruckt. Mein damaliger Leserbrief (nicht abgedruckt, auch sonst ohne Reaktion):

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    mit Befremden habe ich die Anzeige der Wochenzeitung “Junge Freiheit” in der heutigen (8.2.06) Ausgabe, Seite 8, zur Kenntnis genommen. In einem “Appell für die Pressefreiheit” fordert das von Ihnen als “Rechts-Blatt” und “rechtsgerichtet” (beides: 28.06.2005, “Rechts-Blatt ‘Junge Freiheit’ siegt vor dem Bundesverfassungsgericht”, http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/732/55677/) beschriebene Magazin unter Anklage eines “Grundrechtsangriffs” die Revidierung der Ausladung zur Leipziger Buchmesse. Unter den “Erstunterzeichnern” befinden sich auch Dr. Klaus Rainer Röhl (ehem. Herausgeber der “konkret”) oder Eckhard Henscheid (Schriftsteller, “Titanic”, “Neue Frankfurter Schule”).
    All das obwohl die “Junge Freiheit” sich selbst als “rechtskonservativ” positioniert und als “Scharnierfunktion zwischen demokratischem Konservativismus und extremer Rechte” eingestuft wird (z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Junge_Freiheit). Bereits 2002 startete die “Junge Freiheit” eine ähnliche Kampagne zum “Schutz der Pressefreiheit”, zu deren Erstunterzeichnern u.a. Martin Hohmann gehörte. Auch der “Informationsdienst gegen Rechtsextremismus” (http://www.idgr.de) stuft die “Junge Freiheit” als “antidemokratisch” (http://lexikon.idgr.de/j/j_u/junge-freiheit/junge-freiheit.php) ein. Der Verfassungsschutz selbst bemerkt im Verfassungsschutzbericht 2001 das “geschickte Agieren” der “JF-Autoren”in einer Grauzone von demokratischem Konservatismus, Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus. Dabei spielt der Rekurs auf die antidemokratische ‘Konservative Revolution’ zur Zeit der Weimarer Republik und auf den Staatsrechtler Carl Schmitt eine tragende Rolle.”.
    All dies macht es in meinen Augen für eine demokratische, kritische Zeitung wie die Ihre unmöglich, einen sog. “Appell für die Pressefreiheit” einer antidemokratischen Zeitung selbst als Anzeige abzudrucken, zumal diese Kampagne auch im Zusammenhang mit einer aktuellen Kampagne aus dem NPD-Umfeld, bestehend aus Demonstrationen, Solidaritätsadressen und Artikeln, für die Holocaustleugner Ernst Zündel und Germar Rudolf zu sehen ist, deren Ziel die Abschaffung des §130 StGB (Volksverhetzung) ist.
    In der Hoffnung, Zweifel an der Vereinbarung von der Veröffentlichung von Werbung für diese Zeitung und einem klaren Bekenntnis zu einer liberal-kritischen, demokratischen Grundhaltung geweckt zu haben, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

    X Y

  • Steven Scherer said:

    Schade,…

    Man traut also den Lesern und damit den Bürgern nicht mal mehr zu, dass sie selbst in der Lage sind über das Gelesene oder Suggerierte zu urteilen?

    Man muss also schon vorselektieren und die “Leitmedien” dürfen oder sollten nur noch leichte Kost verabreichen? Natürlich gespickt mit einem kräftigen Schlag abgestandener Pauschalisierung…

    sapere aude

    Steven

  • NPD-BLOG.INFO » Blog Archive » JF: Dichter zwingt NS-Diplomaten zur Ausbürgerung said:

    [...] auch: SZ druckt JF-Anzeigen – Leserbrief dazu aber nicht, Die gewonnene Ehre des Revisionisten Konrad Löw, Bundestag wählt “Irren” in [...]