Massaker als Marketing: Das Manifest des Massenmörders

Ein Massaker zu Marketingzwecken: Der Norweger Breivik wollte Aufmerksamkeit für sein „Manifest zur Rettung Europas“ schaffen. Nun erklärt sich auch, warum der 32-Jährige die Jugendorganisation der Arbeiterpartei angriff und möglichst viele Jugendliche ermordete. Er beklagte nämlich einen  Siegeszug des „kulturellen Marxismus“, der aus der „destruktiven“ Frankfurter Schule hervorgegangen sei.

Von Patrick Gensing

Breivik verbreitete sein "Manifest zur Rettung" Europas - der Massenmord war offenbar ein Marketinginstrument.
Breivik verbreitete sein „Manifest zur Rettung“ Europas – der Massenmord war offenbar ein Marketinginstrument.

Das Motiv für den Massenmord in Norwegen ist klarer geworden: Der rechtsradikale Norweger Behring Breivik wollte Aufmerksamkeit für sein „Manifest“ zur Rettung Europas schaffen und durch das Massaker weltberühmt werden, um seine kruden Thesen möglichst weit zu verbreiten. Das geht laut norwegischen Medienberichten aus dem Geständnis des 32-Jährigen hervor. Breivik hatte sein etwa 1500-Seiten-umfassendes „Manifest“ eine Stunde vor den seit Jahren geplanten Anschlägen an rechte Politiker in Skandinavien geschickt.

Nun erklärt sich auch, warum Breivik die Jugendorganisation der Arbeiterpartei angriff und möglichst viele Jugendliche ermordete. Breiviks beklagte nämlich einen vermeintlichen Siegeszug des „kulturellen Marxismus“, der aus der „destruktiven“ Frankfurter Schule hervorgegangen sei. Dieser Siegeszug sei Voraussetzung für die „Islamisierung Europas“ – so die bekannte Argumentation der „Islam-Kritiker“, die nicht weniger als die Abschaffung Deutschlands (Sarrazin) oder eben Europas (Breivik) prophezeien. So wird ein Szenario entworfen, in der Selbstverteidigung gegen einen vermeintlichen Massenansturm von islamistischen Horden als legitim erscheint. Nicht umsonst finden sich in Breiviks Kommentaren auf einer rechtsradikalen Internet-Seite ausführliche Statistiken über den Anteil der islamischen Bevölkerung in europäischen Großstädten.

Breivik inszenierte sich im Netz 2.0
Breivik inszenierte sich im Netz 2.0

Damit nicht genug, durch die religiöse Komponente Christentum gegen Islam könnte Breivik in seiner Wahnsinnstat eine quasi heilige Tat gesehen haben. Den Nachwuchs der Arbeiterpartei, die in Norwegen die Regierung stellt und das Land mit Unterbrechungen über Jahrzehnte regiert hat, könnte Breivik als Träger der Ideen der Frankfurter Schule und 68er in dem skandinavischen Land identifiziert haben. Durch den Massenmord an dem sozialdemokratischen Nachwuchs erreicht Breivik zwei Ziele: Maximale Aufmerksamkeit für seine Tat – und er eröffnet aus seiner Sicht seinem Land eine bessere Zukunft, da der Arbeiterpartei viel Nachwuchs verloren gegangen ist,  die Ideen der Frankfurter Schule geschwächt werden. Der zweite Teil seiner Rechnung dürfte zumindest nicht aufgehen: Ministerpräsident Stoltenberg hat in beeindruckenden Ansprachen bereits mehrfach deutlich gemacht, dass die Antwort der Norweger auf dieses Hass-Verbrechen nicht weniger, sondern mehr Demokratie und Solidarität sein werden. Die Qualitäten der norwegischen Gesellschaft, Toleranz und Offenheit, sollen erhalten bleiben, betonte der Premier.

Breiviks Thesen zu Islam und 68ern lassen sich Millionenfach in Internet-Foren und auch Mainstream-Medien nachlesen. Unter dem Banner der Meinungsfreiheit („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“) wird eine angebliche linke Hegemonie gezeichnet und der Untergang des Abendlandes beklagt. Eine brisante Mischung aus Minderwertigkeitskomplexen und Chauvinismus, die mit religiösen Elementen verbunden offenbar das Motiv für den Massenmord in Norwegen geliefert hat. Der Kampf der Rechtsradikalen für mehr Freiheit ist das genaue Gegenteil, die Konsequenz sind Gräben in der Gesellschaft, Intoleranz, Hass – und nun sogar Massenmord.

Vielleicht gibt das bürgerlichen Kreisen in Deutschland, die gerne mit vermeintlichen Tabubrüchen liebäugeln, auch endlich zu denken.

Siehe auch: Norwegen: Mutmaßlicher Attentäter war bei der “Fortschrittspartei”, Norwegen: 87 Tote bei Blutbad, Verdächtiger aus rechter Szene, Rechtsterrorismus: Hunderte Tote in Europa und den USA, Deutsche Neonazis verhöhnen norwegische Opfer, Von Oklahoma nach Oslo: Norwegens Rechte

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22 thoughts on “Massaker als Marketing: Das Manifest des Massenmörders

  1. Wenn man aus der Distanz von ein paar Tagen diese Kommentare hier liest, ist man erstaunt, wie wenig Achtung die Kommentatoren offenkundig vor der Ratio haben, oder gar der Wahrheit. Nicht die Rechten hetzen seit Jahren gegen Moslems. Henryk M. Broder hetzt in den öffentlich-rechtlichen Anstalten, gut bezahlt vom Steuerzahler gegen alles, was ein Kopftuch trägt. Und der Zentralratssprecher der Juden, Graumann, kann sich bei Kritik der Linkspartei am Landraub der Israelis nicht verkneifen, wie Broder gegen den sog. Kopftuchzwang zu hetzen.

    Breivik ist ein Nazihasser und Israel-Verehrer. Aber die Wahrheit passt nicht zum warmgehaltenen Klischee, also muss sie eben untergebuttert werden. Die Lüge nützt nur den Lobbyisten, die Wahrheit aber muss sich heute bereits verschanzen und rechtfertigen. Wir sind längst in einer Meinungsdikatatur der üblsten Sorte gelandet. Und Leute, die diese Meinungsdiktatur anhimmeln, ausgerechnet die kritisieren die Nazis?! Lachhaft.

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