Ein unpolitischer Terrorismus?

Nach dem Attentat von Oslo und dem Massaker von Utøya werden sich viele „Islamkritiker“ unbequemen Fragen stellen müssen. Der folgende Beitrag befasst sich mit der so genannten „Islamkritik“ und der Reaktion einiger ihrer prominentesten Vertreter auf die Ereignisse in Norwegen.

Von Andrej Reisin*

Seit Freitag Nachmittag herrscht bei vielen prominenten Autorinnen und Autoren aus dem islamkritischen Spektrum ein seltsames, aber umso beredteres Schweigen: Melden Sie sich normalerweise nur Stunden nach großen Terroranschlägen mit langen Elogen zu Wort, in denen meist von handlungsunfähigen Politikern und der vermeintlich noch immer unterschätzten terroristischen Bedrohung durch den globalen Jihad die Rede ist, so war dieses Mal nach dem Abebben der ersten fälschlichen Zuschreibungen an Al Kaida & Co. erst einmal Schluss.

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?

In mehr oder weniger offen rechtsradikalen Blogs und Foren wie bspw. dem in der öffentlichen Debatte am stärksten im Fokus stehenden „Politcally Incorrect“ folgte dann der Katzenjammer: Als „eine konservative Katastrophe“ bezeichnete das Blog den Anschlag von Oslo und das Massaker von Utøya. In den Kommentarspalten befürchten die Anhänger dieser Art von „Islamkritik“, um „Jahre zurückgeworfen“ zu werden. Immerhin konnte sich der Leitartikel selbst zu einer Art Eingeständnis durchringen: „Was er (Anm.: Breivik) schreibt, sind großenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten. Wir dürfen uns nicht unserer Eigenverantwortung entziehen.“

Und wieder geht es um Moral…

Nach geschlagenen drei Tagen reagierte als einer der wenigen bürgerlichen Islamkritiker auch Henryk M. Broder, allerdings gänzlich anders: Er wehrt sich massiv gegen eine „Gegenseite, die mit einer Schamlosigkeit sondergleichen versucht, sich einen moralischen Vorsprung zu verschaffen, indem sie die Verantwortung für einen Massenmord ‚Islamkritikern’ von Ates bis Sarrazin, von Broder bis Wilders in die Schuhe zu schieben versucht.“ Broder fährt fort, er könne sich dagegen in Bezug auf Selbstmordattentate im Irak nicht „an keinen einzigen Bericht erinnern, in dem die Frage gestellt worden wäre, was die Terroristen gelesen hatten, welche Art von Lektüre sie zu ihren Taten animiert hatte.“

Breivik verbreitete sein "Manifest zur Rettung" Europas - der Massenmord war offenbar ein Marketinginstrument.

Breivik verbreitete sein "Manifest zur Rettung" Europas - der Massenmord war offenbar ein Marketinginstrument.

Wirklich nicht? Nun, ich erinnere mich an dutzende, ja hunderte von Berichten und Artikeln (keineswegs nur von Broder), in denen ein Zusammenhang zwischen dem Terror der Täter und dem, was sie gelesen hatten – nämlich den Koran – hergestellt wurde; und zwar bis hin in die Tiefen der minutiösen Suren-Exegese. Der Elefant in seinem Wohnzimmer, den Broder offenbar nicht zu sehen vermag, trompetet in Wirklichkeit lautstark eine einfache Botschaft: Wenn die von Broder und anderen Publizisten immer wieder verbreitete These stimmt, dass es einen Zusammenhang zwischen islamistischen Terroristen und dem Islam gibt, warum sollte es diesen Zusammenhang zwischen Ideologie und Tat bei Breivik dann nicht geben?

Um es mit Broder zu sagen: Gerade umgekehrt wird ein Schuh draus. Wenn die Morde der RAF mit linksradikaler Ideologie zu tun hatten, und wenn die Anschläge islamistischer Terroristen etwas mit dem Islam zu tun hatten – dann haben die Bombe von Oslo und das Massaker von Utøya selbstverständlich auch etwas mit der politischen Ideologie zu tun, die Breivik vertritt. Diese könnte nicht nur zu großen Teilen auch in islamkritischen Blogs und Foren stehen, sondern sie ist zu weiten Teilen direkt von dort kopiert.

Das keineswegs linke, sondern im europäischen Sinn wohl liberal-konservativ zu nennende amerikanische Blog „Little Green Footballs“ (LGF), das in Breiviks Manifest ebenfalls zitiert wird, hat die Abgrenzung zu diesen radikalen Teilen der Islamkritik bereits seit langem vollzogen. Sein Hauptautor Charles Johnson fast seine Kritik an der „Anti-Jihad-Ideologie“ (wie er die Blogs und Texte radikaler amerikanischer Islamkritiker nennt, die von Breivik seitenweise zitiert werden) pointiert zusammen:

„Wenn man diesen Artikeln zu ihrer widerlichen logischen Konsequenz folgt, dann ist die Zivilisation selbst in Gefahr. Es ist eine apokalyptische Sichtweise, eine Vision von einem Krieg ums Dasein gegen einbrechende, dunkelhäutige Horden. Ist es wirklich so verwunderlich, dass von denjenigen, die an diese paranoide Weltsicht glauben, einer nun endlich den nächsten logischen Schritt unternahm? Bei Anders Behring Breivik gibt es keinen Zweifel daran, wo er die Inspiration und die Ideologie herhat, die unaufhaltsam zum Grauen in Oslo geführt haben.”

Nach all den Jahren, in denen „Islamkritiker von Broder bis Wilders“ (Broder) bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen haben, dass es sich beim Islam nicht (nur) um eine Religion, sondern (auch oder vor allem) um eine potentiell mörderische Ideologie handle, können sie sich daher jetzt nicht ernsthaft hinstellen und meinen, linke und islamistische Mörder würden aus ideologischen Gründen morden, rechtsextreme Mörder hätten aber einfach einen an der Waffel oder seien getrieben vom „Spaß am Töten“(Broder).

Eher Eichmann als Jack the Ripper

Letzteres Argument ist so schwach, dass man wirklich ernsthaft hoffen muss, Broder oder anderen Autoren der „Achse des Guten“ fällt noch etwas besseres ein. Denn nichts, aber auch gar nichts – weder im Manifest des Attentäters, noch in seinem Verhalten auf der Todesinsel, noch in seinen bisherigen Aussagen – deutet in irgendeiner Weise auf Spaß (vulgo: eine Lust) am Töten hin, wie sie zum Beispiel sexuell getriebene Straftäter verspüren.

Im Gegenteil: Breiviks Text ist durchdrungen von eiskalter, rationaler Kalkulation, gekoppelt mit bürokratischem Eifer und einem mörderischen Arbeitsethos; eine Kombination, die – wenn überhaupt – eher an einen Eichmann als an einen Jack the Ripper denken lässt. Genauso berechnend, ruhig und eiskalt beging Breivik laut Augenzeugen seine unvorstellbaren Taten. Auch bei seinen Vorgängern in Geist und Tat, dem Unabomber Theodore Kaczynski (von dem er ebenfalls weite Auszüge kopiert) und dem Oklahoma-Attentäter Timothy McVeigh kann man sicherlich einiges an Motiven unterstellen – Spaß am Töten gehörte bislang nicht zum Stand der Forschung.

Von Genen und Gemüsehändlern

Sarrazin auf den Seiten der NPD (Screenshot vom 11.9.2010)

Sarrazin auf den Seiten der NPD (Screenshot vom 11.9.2010)

Wirklich nötig wäre im Gegensatz zur reflexartigen Abwehr möglicher Zusammenhänge zwischen Ideologie und Tat, dass diejenigen Islamkritiker, die es mit ihrem Plädoyer für Freiheit, Demokratie und Humanismus wirklich ernst meinen – und denen es nicht um ein weiteres Vehikel für Rassismus und Hass geht – endlich Schluss machen mit der ärgerlichen Koketterie mit radikaler Rhetorik, die im Zweifelsfall aber bitte folgenlos oder nicht ganz so gemeint gewesen sein soll. In der öffentlichen Debatte muss künftig wieder ein klar erkennbarer Unterschied zwischen der Kritik am politischen Islam und der diffusen Ablehnung muslimischer Zuwanderung per se erkennbar sein, der in Sarrazins Gerede von Genen und Gemüsehändlern nicht mehr gegeben ist.

Außerdem muss klar und deutlich eine Abgrenzung von radikalen Vertretern erfolgen, die in der europäischen Auseinandersetzung mit dem Islam eine Art apokalyptischen Endkampf sehen – genau, wie es die Islamkritiker ihrerseits seit Jahren von muslimischen Organisationen und Vertretern verlangen. Denn zwischen ideologisch motivierten Massenmördern und unzurechnungsfähigen Psychopathen im Sinne der Forensik gibt es einen gewaltigen Unterschied. Die Kritiker islamistischer Ideologie sollten diesen in ihrem eigenen Interesse besser nicht verwischen – und rhetorisch dahinter verstecken sollten sie sich auch nicht. Denn wer Vertretern des Islams vorwirft, sie würden durch die fehlende Abgrenzung zu radikalen Islamisten ihrerseits zu Apologeten des Terrors – der wird sich kaum denselben Vorwurf einhandeln wollen.

* Anmerkung: Der Autor teilt viele Aspekte der Kritik am politischen Islam. Auch glaube ich nicht, dass die gesellschaftliche Debatte unter Stimmen wie der von Henryk M. Broder leidet oder auf sie verzichten könnte, ganz im Gegenteil: Für eine lebendige demokratische Streitkultur bräuchte es noch viel mehr derart pointierte Stimmen. Allerdings kann und darf auch nicht übersehen werden, dass an den Rändern der „islamkritischen“ Blogs und Foren längst eine Radikalisierung stattgefunden hat, die als Stichwortgeber zumindest mittelbar zu der Katastrophe beigetragen hat, die Anders Behring Breivik in Oslo und auf Utøya herbeigeführt hat.

Siehe auch: Massaker als Marketing: Das Manifest des Massenmörders, Dokumente des Hasses,  Norwegen: Mutmaßlicher Attentäter war bei der “Fortschrittspartei”, Norwegen: 87 Tote bei Blutbad, Verdächtiger aus rechter Szene, Rechtsterrorismus: Hunderte Tote in Europa und den USA, Deutsche Neonazis verhöhnen norwegische Opfer, Von Oklahoma nach Oslo: Norwegens Rechte

21 Comments

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  1. o.b.

    @David
    Genauso wenig, wie Islamisten den Islam vertreten, vertreten Rechtspopulisten oder Rechtsextreme die Werte bzw. eine Kultur eines Landes. Beide haben eines gemeinsam: Sie glauben aber, dass sie es tun und nehmen sich das Recht heraus über anderen zu stehen. Und vorallem: Beide wettern gegen den anderen in dem sie pauschal gegen alles wettern, was bei drei nicht auf den Bäumen ist.

    Und wenn Du schreibst, dass Breivik auf einer Stufe mit Mohammed Atta steht, dann muss da sicherlich auch nachgeschaut werden, auf welcher Basis sie stehen. Atta war indoktriniert von Al-Quaida und co. Und Breivik? Tja, der hat sich vom Rechtspopulismus/Rechtsradikalismus beeinflussen lassen. Und nun soll das aber nicht interessieren? Das wäre doch arg schlecht oder?

    Und das interessante:
    “dot tilde dot” schrieb:
    “alle genannten ideologien haben einen gemeinsamen gegner: die demokratische gesellschaft.”

    Breivik hat also mehr oder weniger antidemokratisch gehandelt. Er hat sich antidemokratischer Ideen bzw. Methoden bemächtigt. Insofern wäre der Rechtspopulismus/Rechtsradikalismus mit der Demokratie auch unvereinbar.

    Mit freundlichen Grüßen
    Olli

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