MVP: Studie über Rechtsextremismus auf dem Land

Warum hat Rechtsextremismus seine Schwerpunkte vor allem in ländlichen Gegenden? Diese `Forschungslücke` will der Greifswalder Professor für politische Theorie und Ideen geschichte, Hubertus Buchstein, laut einem Bericht der Schweriner Volkszeitung schließen. Zusammen mit dem Rostocker Professor Nikolaus Werz hat der Wissenschaftler das Forschungsprojekt `Regional analysen zum Verhältnis von rechtsextremen Aktivitäten und demokratischen Strukturen im ländlichen Raum` angeschoben. Die Ergebnisse der Arbeit sollen Ende 2008 bis Anfang 2009 vorliegen. Das Vorhaben ist eines von so genannten `exzellenten Forschungsprojekten`, die die Landesregierung aus dem Zukunftsfonds des Landes fördern will.

`Abweichende Meinungen werden kaum toleriert`

Lobenswert, aber ob es sich wirklich um eine Forschungslücke handelt, erscheint zumindest auf den ersten Blick zweifelhaft. Denn erst im Juni hatte die Grüne-Bundestagsfraktion die Ergebnisse der Studie ‘Grenzen lokaler Demokratie -Zivilgesellschaftliche Strukturen gegen Nazis im ländlichen Raum’ vorgestellt. Die Bundestagsabgeordnete Monika Lazar, Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus, kommentierte: ‘Das Problem liegt im Denken großer Bevölkerungsteile, nicht im Handeln kleiner ‘Randgruppen’. Unabhängig von Bildung, Alter, Geschlecht oder sozialem Status trifft man in Deutschland auf hohe Zustimmung zu rassistischen Einstellungen.’

Lazar betonte, ohne die Offenheit der Bürgermeister gehe nichts. Als Grund für die Probleme von Antinazi-Initiativen in Dörfern und Kleinstädten ermittelte die Studie ein Demokratiedefizit. ‘Andere Meinungen in wichtigen politischen Fragen werden kaum ertragen’, so Doris Liebscher (Antidiskriminierungsbüro Leipzig) und Dr. Christian Schmidt (Sächsische
Akademie der Wissenschaften zu Leipzig), die Autorinnen und Autoren der Studie. Entsprechend schwer haben es politische Gruppen, mit ihrer Kritik von den kommunalpolitisch Verantwortlichen gehört zu werden. Wer Kritik an
den Behörden übt, gilt schnell selbst als extrem. Dies belegen viele Interviews, die mit Personen von unterschiedlichen Behörden und Initiativen durchgeführt wurden.

`Spezifisch siedlungsstrukturelles Problem`

Ähnlich hatten sich der Experte Bernd Wagner sowie der Wissenschaftler Wilhelm Heitmeyer jüngst geäußert. Heitmeyer sagte im Gespräch, statt neuer Bürokratie und Imagepolitik brauche man Unruhe in Ostdeutschland. Empirische Untersuchungen hätten gezeigt: Ostdeutschland habe ein spezifisch siedlungsstrukturelles Problem – durch die vielen kleinen Gemeinden und Kleinstädte. `Die gut ausgebildeten Menschen, die Widerworte geben, die wandern ab. Dadurch wird die Struktur immer homogener, sowohl sozial als auch von den Einstellungsmustern her`, erklärte Heitmeyer. `Und von homogenen Gruppen geht an vielen Stellen weit mehr Gefahr aus als von heterogenen Gruppen. Weiterhin herrscht ein hoher Konformitätsdruck in diesen kleinen Gemeinden, man kennt sich, es ist kaum möglich, alternative Bekanntschaften und Freundeskreise aufzubauen – anders als in Großstädten.`

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