Wirtschaftswunder und blühende Landschaften als “narzisstische Plombe”
Rechtsextremismus gedeiht in der deutschen Bevölkerung auf dem Boden von Angst und Ausgrenzungserfahrungen. Gleichzeitig herrschen weit verbreitete ausländerfeindliche Einstellungen sowie eine geringe Wertschätzung der Demokratie. Zu diesem Befund kommt die bundesweite Studie “Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen” von Prof. Dr. Elmar Brähler und Dr. Oliver Decker von der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig.
Mit ihrer Studie schließen die beiden Wissenschaftler der Universität Leipzig an ihre Repräsentativbefragung “Vom Rand zur Mitte” aus dem Jahr 2006 an. Damals waren 5000 zufällig ausgewählte Bundesbürger per Fragebogen zu ihrer Zustimmung beziehungsweise ihrer Ablehnung zu rechtsextremen Aussagen befragt worden. Aus dieser Gruppe wurden 150 Teilnehmer unterschiedlicher sozialer Herkunft, Generation und Berufstätigkeit zu bundesweit zwölf Gruppendiskussionen eingeladen. “Die Studie gewährt damit wirklich einen Einblick in die Mitte der Gesellschaft”, sagt Oliver Decker. Ziel der Diskussionen war es, zu ergründen, wie rechtsextremes Gedankengut in der heutigen Gesellschaft entsteht.
Ausländerfeindlichkeit noch weiter verbreitet als befürchtet
Dabei zeigte sich, dass ausländerfeindliche Ressentiments in der Bevölkerung offenbar weiter verbreitet sind als bislang angenommen. “Sie wurden in allen Diskussionen mit besorgniserregender Selbstverständlichkeit geäußert – auch bei Personen, die in der ersten Studie nicht durch rechtsextreme Einstellungen aufgefallen waren”, betont Oliver Decker.
Hoher Normierungsdruck, Demokratie als Wohlstandserlebnis
Zudem zeigten die Diskussionen, dass die Teilnehmer offenbar einen hohen gesellschaftlichen Anpassungsdruck empfinden. Gleichzeitig werden aber – diesen Druck verstärkende – Sanktionen gegenüber abweichendem Verhalten akzeptiert. Generell, so Decker, herrsche zudem ein großes Unwissen und Unverständnis über die Möglichkeiten der Mitwirkung in einer Demokratie, verbunden mit einer Geringschätzung des demokratischen Systems an sich. Es werde nur insofern akzeptiert, wie es individuellen Wohlstand garantiere.
“Erschreckend war für uns, wie gern die Befragten auch die bescheidenste Demokratie gegen autoritäre Strukturen eintauschen würden, in denen vermeintlich Ordnung, Ruhe und Chancengleichheit herrscht”, sagt Oliver Decker. Viele der jungen Leute hofften auf “irgend einen Führer”, weil es so nicht mehr weitergehen könne, die Teilnehmer mittleren Alters resignierten und meinten sarkastisch, Politik sei ohnehin nur Lug und Trug, während die Älteren die klaren Regeln ihrer Jugend – im Osten die Umstände in der DDR und im Westen zuweilen sogar die Nazizeit – als Vorbild heranzögen und glorifizierten.
Gewalterfahrung bei Herausbildung von rechtsextremen Einstellungen
In der Auswertung der Diskussionen waren die Wissenschaftler zudem bemüht, die politischen Aussagen der Teilnehmer mit ihren Lebensläufen in Deckung zu bringen, erläutert Oliver Decker. Dabei zeigte sich, dass autoritäre Denkstrukturen und Gewalterfahrungen eine hohe Bedeutung bei der Herausbildung rechtsextremer Einstellungen haben. “Umgekehrt wirken die Fähigkeit zur Empathie und die Erfahrung von Anerkennung als Schutz davor”, betont Decker.
Täter-Opfer-Umkehr – um Scham zu überdecken.
Ein weiterer zentraler Punkt ist der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands: Eine Verweigerung der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit fördere rechtsextreme Einstellungen, während eine inhaltliche als auch emotionale Auseinandersetzung mit dem Thema rechtsextreme Einstellungen eher bremse. Außerdem weisen die Autoren in ihrer Studie ausdrücklich auf die verbreitete Täter-Opfer-Umkehr in den vergangenen Jahren hin.
Wirtschaftswunder und blühende Landschaften als “narzisstische Plombe”
Dass rechtextremes Gedankengut indes auch nach einem halben Jahrhundert noch weit verbreitet sei, erklären Decker und Brähler mit der “narzisstischen Plombe”: Der mit dem so genannten Wirtschaftswunder in Westdeutschland relativ schnell einsetzende Wohlstand habe weder für Nachdenklichkeit noch für Scham Raum und Zeit gelassen. Eine ähnliche Entwicklung erhofften Ostdeutsche nach der Wende und beantworten die Enttäuschung dieser Erwartung mit Politik- und Demokratieverdrossenheit. “Immer dann, wenn der Wohlstand als Plombe bröckelt, steigen aus dem Hohlraum wieder antidemokratische Traditionen auf”, sagt Decker. Ab dem 19. Juni 2008 ist die Studie als Buch oder im Download bei der FES erhältlich.
Das Problem liegt im Denken großer Bevölkerungsteile
Fast genau auf dem Tag vor einem Jahr hatte die Grüne-Bundestagsfraktion hat am 20. Juni 2007 die Ergebnisse der Studie ‘Grenzen lokaler Demokratie -Zivilgesellschaftliche Strukturen gegen Nazis im ländlichen Raum’. Die Bundestagsabgeordnete Monika Lazar, Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus, kommentierte: ‘Das Problem liegt im Denken großer Bevölkerungsteile, nicht im Handeln kleiner ‘Randgruppen’. Unabhängig von Bildung, Alter, Geschlecht oder sozialem Status trifft man in Deutschland auf hohe Zustimmung zu rassistischen Einstellungen.’
Lazar betonte, ohne die Offenheit der Bürgermeister gehe nichts. Als Grund für die Probleme von Antinazi-Initiativen in Dörfern und Kleinstädten ermittelte die Studie ein Demokratiedefizit. ‘Andere Meinungen in wichtigen politischen Fragen werden kaum ertragen’, so Doris Liebscher (Antidiskriminierungsbüro Leipzig) und Dr. Christian Schmidt (Sächsische
Akademie der Wissenschaften zu Leipzig), die Autorinnen und Autoren der Studie. Entsprechend schwer haben es politische Gruppen, mit ihrer Kritik von den kommunalpolitisch Verantwortlichen gehört zu werden. Wer Kritik an
den Behörden übt, gilt schnell selbst als extrem. Dies belegen viele Interviews, die mit Personen von unterschiedlichen Behörden und Initiativen durchgeführt wurden.
Fördermittel direkt an die Initiativen
Im Ergebnis der Untersuchungen empfiehlt die Studie unter anderem: Anti-Nazi-Maßnahmen nicht als ‘Extremismusbekämpfung’ bezeichnen, Vergabe von Fördermitteln direkt an die Initiativen und Maßnahmen zur Demokratieerziehung. Die Studie kann im Büro der Bundestagsabgeordneten Monika Lazar elektronisch angefordert werden.
Siehe auch: Jeder vierte Deutsche wünscht sich eine einzige Partei oder Volksgemeinschaft und “Wir brauchen Unruhe in Ostdeutschland”.









“Gleichzeitig werden aber – diesen Druck verstärkende – Sanktionen gegenüber abweichendem Verhalten akzeptiert.”
Stimmt…
[...] npd-blog wird die empirische Studie “Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen” zusammengefasst: Das Problem liegt im Denken großer Bevölkerungsteile, nicht im Handeln [...]
Beziehen kann man die Studie nicht bei Frau Lazar sondern über die Friedrich Ebert Stiftung, man erreicht sie unter forum.ml@fes.de oder telefonisch unter: 030-26935827.
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