MVP: Untersuchungen nach Überfall in Pölchow

*Aktualisierung am Ende des Beitrags 

Nach dem Nazi-Überfall in Mecklenburg-Vorpommern am 30. Juni 2007 läuft die Aufarbeitung der Vorkommnisse. Besonders die Rolle der Polizei wird derzeit beleuchtet. Die taz berichtet am 03. Juli 2007 über die Kritik der Opferberatungsstelle Lobbi an der Polizei. Lobbi sammelt zurzeit die Aussagen zahlreicher Augenzeugen, die den Angriff der Neonazis miterlebten.

Übereinstimmende Augenzeugenberichte

Auf Anfrage gab Lobbi einen Überblick über die bislang gesammelten Berichte. Danach stellte sich der Ablauf der Ereignisse wie folgt da: In Schwaan in Mecklenburg-Vorpommern stiegen etwa 60 bis 70 Personen in den Zug Richtung Rostock. Die bunt gemischte Gruppe, einige Personen kamen aus MVP, andere aus Bayern oder Sachsen, kam vom Fusion-Festival, viele der Jugendlichen wollten zur Anti-Nazi-Demo nach Rostock reisen, andere waren schlicht auf der Heimreise. An der Haltestellte stiegen ebenfalls acht bis zehn Nazis in den Waggon ein. Nach Augenzeugenberichten kam es zu einem heftigen Wortgefecht. Tätlichkeiten soll es angeblich nicht gegeben haben.

Im Folgenden verlässt die Nazi-Gruppe den Wagen, um in einen anderen einzusteigen. Dort sitzen etwa 80 Neonazis, darunter die NPD-Abgeordneten Udo Pastörs, Tino Müller und Stefan Köster. Besonders bemerkenswert: Obwohl bei der Demonstration in Rostock mit Ausschreitungen gerechnet wurde – 2000 Polizisten waren im Einsatz – befanden sich im Zug offenbar überhaupt keine Einsatzkräfte. In dem kleinen Dorf Pölchow zogen die Nazis den Angaben zufolge die Notbremse, stiegen aus und umstellten den letzten Waggon, in dem sich die Anti-Nazi-Demonstranten und Festival-Besucher befanden. Die Nazi drückten mehrere Scheiben ein, circa 40 Nazis verprügelten die Reisenden.

Dabei gab es nach vorläufigen Angaben von Lobbi insgesamt etwa 20 Verletzte, mindestens fünf davon mussten im Krankenhaus mit schwerer Gehirnerschütterung, Frakturen und ähnlichen Verletzungen behandelt werden. Auch ein kleines Kind soll eine Schnittwunde erlitten haben und wurde später von einem Sanitäter behandelt. Viele der Opfer flohen vor den Nazis in das Dorf, Bewohner halfen den Verletzten und riefen die Polizei. Die Nazis sollen auf dem Bahnhof geblieben sein, ebenso eine Gruppe von etwa zehn der Angegriffenen – bis die Polizei schließlich eintraf.

Pastörs im Gespräch mit der Polizei?

Diese konnte sich zunächst offenbar kein Bild von den Vorkommnissen machen. NPD-Fraktionschef Pastörs schilderte dem Einsatzleiter Augenzeugenberichten zufolge dann seine Sicht der Dinge. Damit könnte auch erklärt werden, warum die Polizei von einer Auseinandersetzung zwischen Linken und Rechten berichtete, obwohl sie gar nicht vor Ort war. Allerdings machte es die Einsatzkräfte offenbar nicht stutzig, dass die Nazis noch vollzählig auf dem Bahnsteig standen, und dass es bei ihnen offenbar keine Verletzten gab, während andere Personen ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Die NPD sprach im Folgenden von einem Angriff von linken Terroristen (Stefan Köster laut einem Videomitschnitt auf Endstation Rechts auf der Demonstration in Rostock), gegen den man sich in Notwehr erfolgreich gewehrt hätte. Köster führt Augenzeugenberichte an, wonach die ‚Antifas säckeweise Steine‘ mit sich geführt hätten. Dass die Rucksäcke einfach Gepäck von Festival-Besuchern gewesen sein könnte, passt natürlich nicht in ihre Version der Geschichte.

Aussage gegen Aussage

Noch ist also nicht genau geklärt, was sich in und um den Zug abgespielt hat. Aussagen stehen gegen Aussagen, die Polizei hat sich auf eine Version festgelegt, ohne vor Ort gewesen zu sein. Nun laufen die Ermittlungen bei der Polizei, aber auch bei der Bahn selbst. Das Zugpersonal soll noch aussagen, eine Zugbegleiterin soll den Angriff genau gesehen haben. Außerdem werden zurzeit Anzeigen gegen mehrere Angreifer vorbereitet. Auf Fotos von der NPD-Demonstration in Rostock seien bereits mehrere der Täter von den Opfern identifiziert worden*, hieß es aus Beobachter-Kreisen. Weiterhin werde erwartet, dass die staatlichen Stellen von Amts wegen demnächst Anzeigen erstatten werden.

* Inzwischen ist offenbar einer der Angreifer identifiziert. Laut einer Mitteilung der Jusos soll einer der Täter angeblich Michael G. gewesen sein. G. sitzt für die NPD im Stadtrat der Gemeinde Teldau und soll die Übergriffe in Pölchow gelenkt haben und dabei Quarzhandschuhe getragen haben, so ein Augenzeuge. Außerdem sollen sich mehrere Mitglieder der Jusos um das verletzte Kind gekümmert haben. Der Juso-Landesvorsitzende Robert Hagen sagte dem Bericht zufolge: ‚Das die NPD-Landtagsabgeordneten Pastörs, Müller und Köster den Gewaltorgien ihrer Kameraden einfach zuschauten, ist ein Skandal.‘